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Ketil Bjørnstad - groß besprochen in der FAZ

09.10.2018

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.18, S. 12

 

Und dann sitzt er barfuß am Klavier.


Schon wieder erscheint ein autobiographisches Mammutprojekt aus Norwegen: „Die Welt, die meine war“ von Ketil Bjørnstad

Ein Jahr noch, dann wird sich Norwegen als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren. Die Vorbereitungen für den Aufritt, für den der Isländer Halldór Guðmundsson verantwortlich zeichnet, laufen auf Hochtouren. Mehr als zweihundert Übersetzungen ins Deutsche sind in Arbeit, und die ersten erscheinen schon. Und damit sie die Leser auch wirklich erreichen, organisiert das staatliche Literaturbüro Norla in diesem Herbst und Winter bereits Informationsreisen für deutsche Buchhändler.

Auch die Mutter von Ketil Bjørnstad arbeitete in einer Buchhandlung, wenn sie nicht gerade Porträts für einen Fotografen retuschierte oder Opernsängern soufflierte. Das hatte weitreichende Folgen für den Filius, so weitreichend, dass er seine Besuche im Laden an der Karl Johans Gate gleich im ersten Satz seiner Memoiren „Die Welt, die meine war: die Sechziger“ zu seinen „glücklichsten Kindheitserinnerungen“ zählen mag.

Man schlägt sich natürlich sofort die Hand an die Stirn, wenn man vom Umfang dieser Memoiren zum ersten Mal hört: Schon wieder ein autobiographisches Mammutprojekt, das auf sechs Bände angelegt ist, Karl Ove Knausgård lässt grüßen. Abgesehen vom Gespür für längerfristige Rezipientenbindung, das beide norwegischen Schriftsteller verbindet, sind die Unterschiede zwischen ihren und ihrer Prosa gleichwohl gewaltig: Der Schriftsteller und Musiker Ketil Bjørnstad, zu dessen vielen Büchern berührende Künstlerbiographien wie „Oda“ über Oda Krogh, die Vinding-Triologie um den erfundenen Klavierspieler Aksel Vinding oder das bereits mit autobiographischen Elementen arbeitende Werk „Mein Weg zu Mozart“ gehören, geht bei der Darstellung des eigenen Lebens kaum mit jener Schonungslosigkeit und Drastik zu Werke wie Karl Ove Knausgård, der „Mein Kampf“, so der Originaltitel, wie ein Getriebener schrieb, gefangen in einem mentalen Tunnel.

Ketil Bjørnstad schreibt ganz anders, viel weicher. Er ist ein gediegener Erzähler, manchmal auch sentimental, und warum denn nicht? Und so schildert der 1952 geborene Sohn kultur- und politikbegeisterter Eltern seine Erinnerungen an die sechziger Jahre in einer Verkreuzung ganz und dann wieder gar nicht persönlicher Szenen: hier die Erinnerung an einen Silvesterabend im Kreis der Familie, an die Steinerschule in Oslo oder den Besuch bei einer Therapeutin, die ihn zum Rechtshänder erziehen soll – dort ein Kalenderblatt zum tödlichen Unfall Albert Camus, zu Eichmanns Prozess, Cassius Clays Sieg oder ähnlichem Stoff, das die Nachrichtenlage und Gespräche damals bestimmte. Norwegisches wie die Angst vor dem „Granatenman“, der in Oslo sein Unwesen trieb, gehört ebenfalls mit dazu. Das lässt man sich gerne gefallen. Von Freizeitparks kennt man die „Dark Rides“, in denen die Gäste eher gemütlich durch Themenlandschaften geschoben werden. Nicht anders als auf einer solchen Tour, bei der man sich von Achterfahrten erholen und die Butterbrote auspacken kann, kommt man sich als Leser hier vor. Achthundert Seiten lang schiebt uns Ketil Bjørnstad durch die Kulissen, die Figuren, den Sound, die Bücher, die Filme und die Nachrichten seiner Jugend. Gelegentlich spürt er dem naiven Blick eines Kindes auf die Welt nach.

Aber es ist eben doch die Geschichte einer Kindheit, noch dazu die einer offenbar schönen, trotz aller Furcht vor einem Atomkrieg und menschlichen Verlustängsten. Irgendwann erwischt man sich dabei, einige Seiten zu überschlagen. Das kann auch der erzählerische Kniff nicht verhindern, für einige Abschnitte von der ersten in die dritte Person zu wechseln.

Interessanter wird die romanhafte Schilderung im letzten Drittel. Der junge Bjørnstad entwickelt Ambitionen: „Ich komme aus dem Bett, stelle mich unter die Dusche, ziehe mich an und setze mich zum Üben ans Klavier. Brahms, Bach, Chopin, Mozart, Debussy, Ravel, Mortensen und Prokofjew. Nur ein paar Stunden. Dann frühstücke ich.“ Bald befindet sich der Sechzehnjährige, der ein Meerschweinchen namens Brahms hat, „in einer Märchenwelt mit fast hundert Musikern um mich herum“. Er tritt gemeinsam mit Oslos Philharmonikern auf, er darf bei Königs zu Tisch, an Königs Steinway spielen.

Nun ist der Text auffallend dichter geschrieben. Er fließt jetzt dahin wie das ECM-Album „Water Stories“, das Ketil Bjørnstad im Jahr 1993 gemeinsam mit Terje Rypdal und Jon Christensen machte, oder „The River“ mit dem Cellisten David Darling (und es gibt von ihm viele elegante Platten: die rockige Edvard- Munch-Vertonung „Løsrivelse“ zum Beispiel mit der Sängerin Kari Bremnes).

Wie er von der Klassik- zur Jazzbühne kam, Dichter wurde und renommierter Schriftsteller – dafür wird man wohl die angekündigten weiteren Bände lesen müssen; in Norwegen liegen „Die Neunziger“ bereits vor.

Bei aller Begeisterung für das norwegische Kulturleben, in dem Bjørnstad seit gut fünfzig Jahren mitmischt, ein Kulturleben, dem auch Deutschland viele erstaunliche Schriftsteller und Musiker verdankt: Das ist viel verlangt, da doch schon in diesem Herbst mehrere Dutzend neuer Bücher aus Norwegen anrollen. Und etwas unproportioniert ist es auch: Von Munch erzählte Bjørnstad einst auf vierhundert Seiten, von Oda Krogh und der Bohème auf fünfhundert, von Mozart auf weniger als vierhundert. Bei seiner Autobiographie, angelegt auf sechs Bände, ist der Leser nach achthundert Seiten beim Führerschein angelangt.

MATTHIAS HANNEMANN

 

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